Published March 17th, 2025

Planungskulturen des Umbauens – Teil II

Planning Cultures of Conversion – Part II

Podcast in German: Frauke Burgdorff, Dr. Katja Hasche, Helga Kühnhenrich & Prof. Christian Raabe
January 8 2025

In order to initiate and implement conversion on a much larger scale, we need a change in our current culture – in planning, in building, and also in the way we use, think about, and imagine space. In this discussion we continue the debate on planning cultures of conversion. University and institutional research meets practice. We are building on the impulses and discussions of our jointly organized symposium at tu! Hambach 2024, which we organized together. We were on site in a region undergoing major restructuring: the Rhenish lignite mining area. Our event took place in the abandoned village of Morschenich-Alt, now Bürgerwald. This village is facing a far-reaching conversion process in the coming years. And even beyond the specific background of the abandonment of lignite mining, there are many reasons to take a closer look at the existing material, social and cultural resources in the existing buildings and settlement areas and to make use of them.

Um Umbau in viel größerem Umfang in Gang zu setzen und umzusetzen, benötigen wir eine Veränderung unserer aktuellen Kultur – im Planen, im Bauen und auch in unserer Art und Weise, wie wir Räume nutzen, denken und imaginieren. In diesem Gespräch setzen wir die Diskussion zu Planungskulturen des Umbauens fort. Universitäre und institutionelle Forschung treffen auf die Praxis. Wir knüpfen an die Impulse und Diskussionen im Rahmen unseres gemeinsam organisierten Symposiums auf der tu! Hambach 2024 an. Dabei waren wir vor Ort in einer Region, die stark im Umbau ist: das Rheinische Braunkohlerevier. Unsere Veranstaltung fand im leergezogenen Dorf Morschenich-Alt, heute Bürgerwald, statt. Dieses Dorf hat in den kommenden Jahren einen weitreichenden Umbauprozess vor sich. Und auch jenseits der besonderen Kulisse des Braunkohleausstiegs gibt es viele Anlässe, die bestehenden materiellen wie auch sozialen und kulturellen Ressourcen im Gebäudebestand und in bestehenden Siedlungsgebieten noch stärker in den Blick zu nehmen und zu nutzen.

Unter dem Titel „Planungskulturen des Umbauens“ diskutieren wir verschiedene Themen, die den Prozess des Umbauens grundlegend unterscheiden von Neubautätigkeiten – von Fragen der Typologie über die Nutzerperspektive bis hin zu agilen und möglicherweise improvisationsoffenen Planungs- und Bauprozessen. Dabei haben sich verschiedene Dimensionen als relevant herausgestellt. Einerseits geht es im Umbau sehr stark darum, vor Ort Menschen zusammenzubringen, gemeinsam Anliegen zu formulieren und neue Allianzen zu schmieden. Im Bestand sind die Menschen vielfach schon da, als Bewohner:innen, Nutzer:innen oder Nachbar:innen. Ein Zugang zum Umbau kann darin bestehen, ortsspezifische Umbaugemeinschaften oder auch Transformationsgemeinschaften zu bilden und dabei soziales und organisatorisches Kapital aufzubauen. Daneben werden Möglichkeiten der Skalierung und Verbreitung gesucht. Hier geht es eher darum, ortsunabhängig Wissen, Lösungen und Regeln bereitzustellen. Dabei besteht das Problem, mit der enormen Vielfalt und wiederkehrenden Unschärfe im Bestand umzugehen. Die Frage ist, in welcher Balance diese beiden Pole, der orts- und raumspezifische Aufbau von Umbaukapazität(en) einerseits und die Entwicklung einfacher, übertragbarer Lösungen und Regelwerke anderseits, stehen.

Die Architektur ist im Grunde auch das Ergebnis eines sehr langen Feldversuches. In Bezug auf die Anforderungen, die Klimaanpassung, die Materialeffizienz ging es immer darum, möglichst ökonomisch, möglichst klug zu bauen. (…) Also da ist dieses ortsspezifische Denken im ganz konkreten Fall, das sollte der Architektur zu eigen sein. Technische Lösungen gibt es bereits viele; was vielleicht fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit dem Verhalten gegenüber den Bestandsgebäuden. Vielleicht müssen wir bei der Betrachtung des Bestandes unsere wunderbare Eigenschaft, uns anzupassen an das, was ist, auch jenseits der Normen, doch ein bisschen mehr zulassen.

Christian Raabe 01/2025

In der Forschungsförderung gibt es auf jeden Fall beide Ansätze – sowohl den ortsspezifischen Ansatz als auch den übertragbaren Strategie-Ansatz. Wir haben in den letzten Jahren tatsächlich verstärkt Forschungsanträge bekommen, die sich mit solchen übertragbaren Sanierungsstrategien beschäftigen. (…) Ja, angesichts der Masse an sanierungsbedürftigen Gebäuden, die es in Deutschland gibt, lohnt es sich auf jeden Fall darüber nachzudenken, welche übertragbaren Strategien man entwickeln kann und welche Bautypologien und Zeitepochen sich hierfür eignen.

Katja Hasche 01/2025

Unsere Erfahrung bei einzelnen Forschungsprojekten ist, dass bestimmte Typologien eigentlich weniger vielfältig sind als man so denkt. Es gibt bereits viele übertragbare Strategien für die Siedlungen der 1920er-Jahre oder 1970er-Jahre. Das stimmt uns sehr hoffnungsvoll. Natürlich bleibt immer eine gewisse Unschärfe. Also jeder Kontext ist spezifisch. Jedes Gebäude steht an einem bestimmten Ort und natürlich muss man immer die ganz konkrete Situation vor Ort im Blick haben.

Helga Kühnhenrich 01/2025

Wie sieht dieses Spannungsfeld in der Praxis aus? Ist es praktisch, nützlich oder auch relevant, wenn wir solche Umbauansätze einerseits Richtung lokales Arrangement, also orts- und quartiersspezifisch, und anderseits verstärkt wiederholbar und regelbasiert denken und entwickeln?

Ich wünsche mir ein bisschen mehr Forschung oder auch Nachdenken über die eigentliche Logik, die hinter dem nahezu zwanghaften, wir müssen neu bauen, steht. Die ist nämlich noch nicht gebrochen. (…) Ich möchte drei Aspekte benennen. Wir haben einmal als Treiber für die Baukultur immer die Ökonomie. (…) Über diese Ökonomie hinweg haben wir natürlich die Repräsentation oder auch die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die im spannungsvollen Widerspruch zur Ressourceneffizienz immer stand. (…) Und dann haben wir noch einen dritten Faktor und das ist die Sicherheit und die Angst, die auch immer das Bauen schon begleitet haben.

Frauke Burgdorff 01/2025

Was kann Umbauen bieten, um solche tiefsitzenden Stellschrauben und Bedürfnisse aufzugreifen, beispielsweise der Wunsch nach Repräsentation und Sicherheit? Könnte die Improvisation, die Umbau vielfach mit sich bringt, eine Qualität sein, wie es beispielsweise im Jazz der Fall ist? Kann uns Umbau berühren und ein Medium der Kommunikation sein? Repräsentation bedeutet ja, dass ich über dieses Objekt spreche und kommuniziere mit anderen Menschen.

Auf jeden Fall kann es das. (…) Das ist das Schöne an der Musik, dass man einen lebendigen Prozess braucht mit Menschen, die durch diese Stadt streifen und aus dieser Stadt (…) die schönen Themen herausschälen und sie zu einer neuen Komposition führen. (…) Man tut das am besten nicht über Vorschriften, sondern durch Jurys, durch Menschen, die den Geschmack dann gemeinsam bilden. Das finde ich so wichtig beim Umbau, dass wir (…) sehr guten Handwerker:innen oder Entwerfer:innen zusammenzuarbeiten, so wie man im Jazz auch darauf vertrauen muss, dass der Musiker, der mit einem spielt, sein Handwerk kann. Weil nicht alle gleichzeitig das gleiche Instrument spielen können.

Frauke Burgdorff 01/2025

Ja, und auch wie in der Musik, also dass man ja offen sein muss für unterschiedliche Strömungen, unterschiedliche Instrumente, die zusammen ja ein großes Ganzes geben, möchte ich dafür werben, dass auch die Praxis und die Forschung näher zusammentreten und diese beiden Sphären auch mehr wie in der Musik zusammenspielen könnten.

Helga Kühnhenrich 01/2025

Und ich glaube, (…) dass wir Beispiele brauchen. (…) Denn eine Eigenart des Bauens ist die Gewohnheit, die uns gerade querkommt. Man macht das, was der Nachbar gebaut hat (…). Und diese Gewohnheit steht natürlich Veränderungen entgegen. Man muss die Gewohnheiten ändern, aber eben nicht so top down durch Vorgaben. (…) Positive Beispiele bewirken eine ganze Menge und wenn wir das Thema Improvisation hier aufnehmen, Jazz, dann ist das etwas, was eben nicht mit Gewohnheit funktioniert.

Christian Raabe 01/2025

Wesentliche Grundlage für Planungskulturen des Umbauens ist, sich auf den Bestand und bestehende Situationen einzulassen. Das geschieht vielfach noch nicht in ausreichendem Maße. Dazu gehört, sich Zeit zu lassen und ordentlich zu prüfen, welche Qualitäten und Ressourcen und damit auch Entwicklungsmöglichkeiten in Beständen liegen.

Ich möchte neben dem Einlassen auch auf das Zusammenspielen eingehen. Wir diskutieren im Moment intern viel über den Begriff einer modernen Bauhütte. Wie sehen denn so die Planungsprozesse in Zukunft aus? Gibt es vielleicht nicht mehr diesen linearen Planungsprozess, sondern eher den iterativen? (…) Dann steht man vielleicht tatsächlich mehr zusammen auf der Baustelle und diskutiert auf Augenhöhe, als dass es dieses Top-Down-Planen gibt.

Katja Hasche 01/2025

Ja, und es braucht aber auch die Multiperspektivität des Einlassens. Ich glaube, das, was Frau Hasche für den Bauprozess beschrieben hat, brauchen wir auch schon für den Analyseprozess. Eine Stadthistorikerin guckt anders auf ein Quartier als ein Archäologe und ein Archäologe guckt natürlich völlig anders als ein Bauhistoriker. (…) Und ein Zimmermann schaut anders darauf als ein hochbaulicher Entwerfer. Ich glaube, dass diese multiperspektivische Analyse wichtig ist am Anfang, weil wir ansonsten nicht an die Potenziale herankommen. Der eine Architekt hat das nicht alles gelernt.

Frauke Burgdorff 01/2025

Dieses interdisziplinäre Wissen ist dann nützlich, wenn es zwischen verschiedenen Personen aktiv lebendig ist und damit auch transdisziplinär in die Praxis hineinreicht. Es geht im Umbau sehr stark darum, geeignete sozialen Situationen zwischen Planenden, Ausführenden, Ämtern, Bauherr:innen und Nutzer:innen zu kreieren, um darin valides und geteiltes Wissen für den Umgang mit unseren Beständen vom Gebäude bis zum Quartier herzustellen.

Das Gespräch ist eingebunden in die kommende Ausgabe von pnd zu „Planungskulturen des Umbauens“.

Frauke Burgdorff leitet seit 2019 das Dezernat für Planung, Bau und Mobilität der Stadt Aachen. Sie ist Vizepräsidentin der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) und stellvertretende Vorsitzende des Bau- und Verkehrsauschusses des Städtetags NRW. 

Dr. Katja Hasche ist Mitarbeiterin im Forschungsprogramm Zukunft Bau des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) in Bonn. 

Helga Kühnhenrich leitet das Forschungsprogramms Zukunft Bau des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) in Bonn. 

Dr. Christian Raabe ist Professor für Denkmalpflege und historische Bauforschung an der RWTH Aachen und Inhaber von Abri+Raabe Architekten, Berlin.